Werderaner Wachtelberg – die nördlichste für den Qualitätsweinanbau zugelassene Reblage der Welt
Veröffentlicht von admin | Weinberg und Keller | 5.Oktober.2009
Die Stadt Werder (Havel) mit ihrer Weinbergslage “Wachtelberg” liegt 8 km westlich von Potsdam und nur 36 km vom Zentrum der Hauptstadt Berlin. Hier, auf 52° 23′ nördlicher Breite, wachsen auf 6,2 ha Reben. Seit 1991 gehört die Lage “Werderaner Wachtelberg” zum nördlichsten Weinanbaugebiet Saale-Unstrut und wurde bei der EU für die Produktion von Qualitätsweinen zugelassen. Es ist somit z.Zt. die nördlichste Einzellage, die für den Anbau von Qualitätswein eines bestimmten Anbaugebietes in Europa registriert ist. Natürlich gibt es weiter nördlich noch Weinbau (Mecklenburg, Dänemark, Schweden usw.) – aber bei den für QbA registrierten Lagen ist hier am Werderaner Wachtelberg Schluss.
Dieser Weinberg wurde 1985 auf Initiative der damaligen Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft “GPG Obstproduktion Werder” auf einer traditionsreichen Weinbergsfläche in einer Größe von 4,8 ha angelegt, obwohl hier seit über 100 Jahren kein erwerbsmäßiger Weinbau mehr betrieben wurde. Dennoch wurden bei der Neuanlage dieses Weinbergs vereinzelt alte verwilderte Weinstöcke gefunden.
Der hier wieder aufgenommene Weinbau soll daran erinnern, daß in vielen Städten und Dörfern der Mark der Weinbau eine große Bedeutung hatte und die Stadt Werder (Havel) sich im Verlaufe mehrerer Jahrhunderte zum Zentrum des märkischen Weinbaus entwickelte. Der Weinbau zählt in Werder (Havel) neben der Fischerei zu den ältesten Gewerben.
Mit der Wiederaufnahme des Weinbaus in Werder (Havel) im Jahre 1985 soll den vielen Streitern und Winzern des märkischen Weinbaus ein Denkmal gesetzt, dem Vergessen entgegengewirkt und die traditionell bei vielen Märkern ehemals vorhandene Liebe zum Wein auf heutige Generationen übertragen werden.
Beim “Werderaner Wachtelberg” handelt es sich um eine Weinbergslage, zwar jenseits der sogenannten ‘Polargrenze’, bei der es durchaus möglich ist, hochwertige Qualitätsweine zu erzeugen. Somit wird der oft strapazierte Spottvers widerlegt, den im 16. Jahrhundert Studenten der Universität Frankfurt (Oder) geprägt hatten:
”Vinum de Marchica terra – transit guttur tanquam serra”
Was soviel heißen soll, wie
”Märkischer Erde Weinerträge –
gehen durch die Kehle wie ‘ne Säge”
Dass dem nicht so ist, hat bereits der Hofmedicus und Botanicus des Großen Kurfürsten Joh. Elsholtz erkannt und den Wein aus Werder als einen der besten der Mark eingestuft. “…welche auf keinem rauhen Kalkgrund, sondern auf klaren Sandhügeln wachsen und daher zwar nur leichte Weine sind, aber doch keine zusammenziehende Säure, sondern vielmehr eine angenehme Lindigkeit, bevorab in guten Weinjahren haben.” Ähnlich urteilt B.L. Beckmann 1751 in seiner “Historischen Beschreibung der Churmark Brandenburg”, indem er den Wein aus Werder (Havel) als einen Wein, “welcher einen angenehmen Geschmack hat, sonsten auch einer von den besten in der ganzen Mark Brandenburg zu sein geachtet wird.”
Die in den letzten Jahren hier produzierten Weine bestätigen diese Tradition vollauf. Aus dem Jahre 1991 liegt ein Gutachten zur weinbaulichen Bewertung der Rebfläche “Werderaner Wachtelberg” vor, das durch die Landes-Lehr- und Versuchsanstalt für Landwirtschaft, Weinbau und Gartenbau Bad Kreuznach angefertigt wurde. Hieraus geht hervor, daß es bei Temperaturverlauf und Sonnenscheindauer in der Vegetationsphase und der Jahresniederschlagsmenge keine wesentlichen Unterschiede zu Würzburg oder Ahrweiler gibt. Nachteile sind die tieferen Wintertemperaturen und somit die Gefahr von Auswinterungsschäden. Dem entgegen wirkt jedoch, daß Werder von großen Wasserflächen der Havel und weiteren Seen umgeben ist, die das Kleinklima temperaturausgleichend beeinflussen. Somit ist die Gefahr von Früh- und Spätfrosten geringer als an anderen Standorten. Als besonders günstig bewertet das Gutachten den märkischen Sandboden: Es ist ein reiner tiefgründiger Sandboden, der im trockenen Zustand fast an eine Sanddüne erinnert und sehr leicht erwärmbar ist, was die weinbauliche Eignung entscheidend verbessert. Der Nachteil dieses Sandbodens: er ist sehr nährstoffarm und besitzt eine geringe Wasserhaltefähigkeit. Dennoch verleiht gerade der Sandboden unserem Wein naturgemäß eine besondere Lindigkeit und ist bei allen Jahrgängen seit 1989 feststellbar gewesen.
Hier in Werder (Havel) einen guten Qualitätswein zu erzeugen, ist jedoch unter den gegebenen natürlichen Standortbedingungen eine sehr anspruchsvolle Aufgabe mit überdurchschnittlich hohen Risiken und Kosten.
So zeigen die Jahre seit der Wiederaufnahme des Weinbaus (seit 1985), daß diese Aufgabe ein Höchstmaß an Mut, Kreativität, Fleiß und Liebe zur Sache verlangt. Das betrifft auch den Ausbau des Weins, der seit 1989 im heutigen Landesweingut Kloster Pforta in sehr engem Kontakt mit erfahrenen Kellermeistern durchgeführt wird.
Das Hauptproblem ist auch heute, wie vor 200 Jahren, das Ertrags- und Rentabilitätsproblem. So berichtet der Königliche Hofgärtner Salzmann: “…unsere Weinberge sind zum großen Teil von recht ansehnlicher Größe, erfordern viel Arbeit und Dünger und verursachen große Kosten”.
Neben diesen Standortnachteilen wurde der Weinbau am Wachtelberg in den letzten Jahren zusätzlich mit Problemen konfrontiert, die sich vor allem aus dem Übergang von der genossenschaftlichen zur privaten Bewirtschaftung ergaben. Die Auflösung der Genossenschaft durch Mitgliederbeschluß führte zu gegensätzlichen Auffassungen der Bodeneigentümer und Eigentümer der Reblage (Stadt Werder) über die weitere Nutzung der Rebfläche. Unter diesen Bedingungen war in den Jahren 1991 – 1995 die Pflege der Rebstöcke nur bedingt möglich. Nur dem Engagement der Stadtverordneten der Stadt Werder (Havel) ist es zu verdanken, daß diese für Deutschland einmalige Weinbergslage erhalten blieb. Obwohl auch heute noch nicht alle Fragen der langfristigen Bodenverpachtung geklärt sind, konnte in den letzten Jahren ein großer Schritt in Richtung Eigentumssicherung und Verbesserung der Weinqualität getan werden.
1996 übernahm Dr. Manfred Lindicke die Bewirtschaftung des Wachtelbergs. Ab 1997 erfolgte ein schrittweises Umreben des Weinbergs. So wurde 1997 an traditionsreicher Stelle mit der Wiederanpflanzung von Rotwein begonnen (je 1.000 Stöcke ‘Regent’ und ‘Dornfelder’). 1999 kamen 1.000 Rebstöcke der pilztoleranten weißen Rebsorte ‘Saphira’ hinzu.
In den folgenden Jahren lag der Schwerpunkt auf dem Ersatz von schwachtragenden Müller-Thurgau-Reben durch Rotweinreben der Sorten ‘Regent’ und ‘Dornfelder’. Ab 2003 wurden dann wieder Weißweinreben der Sorten ‘Kernling’ und ‘Sauvignon blanc’ gesetzt. Paralell dazu erfolgte ab 2002 die Anlage zweier Weinlehrpfade mit jeweils 40 weißen und roten Rebsorten. Seit 2002 hat hier eine der nördlichsten Straußwirtschaften Deutschlands geöffnet. Hier lohnt sich ein Besuch immer!
| Sortenanteile am Werderaner Wachtelberg | |
|---|---|
| Regent | 1,82 ha |
| Dornfelder | 0,68 ha |
| Lehrpfad-rot | 0,14 ha |
| Summe Rotwein | 2,63 ha |
| Müller-Thurgau | 2,46 ha |
| Saphira | 0,25 ha |
| Kernling | 0,08 ha |
| Sauvignon blanc | 0,44 ha |
| Lehrpfad-weiss | 0,26 ha |
| Summe Weißwein | 3,49 ha |
| Summe Rebfläche | 6,12 ha |
| nicht bestockt | 0,07 ha |
| Gesamtfläche | 6,19 ha |
Mit freundlicher Genehmigung von: Weinbau Dr. Manfred Lindicke